Mittwoch, 23. April 2014

Artikel

Sehr schöner Artikel über unsere Geschäftsführerin, von Johannes Schärfke. Leider gibt es den Artikel nirgends online einzusehen, deswegen posten wir ihn hier!

"DIE LADY"

Als Pinkie Pie begrüßt sie ihre Gäste am heutigen Tag. Es ist ein Rolle, die sie gerne auflegt. Pinke Haare, ein süßes Auftreten und eine piepsige Stimme gehören dazu. Raphaelle heißt sie. Die Geschäftsführerin vom Item Shop, einem Platz für Geeks, wo sie Spielzeug, Sammlerobjekte und anderes Merchandise von Fantasy- und Sciencefictionfilmen kaufen können. „Es ist wie ein Schauspiel“, sagt sie mir in einer ruhigen Minute. „Es gehört zu der Idee, den Kunden in unsere Welt zu ziehen. Ihn an einen Ort mitzunehmen, an dem er sich wohl fühlt.“ So auch ihre beiden Mitarbeiterinnen, die sich ebenso fantasievoll verkleiden und wie Raphaelle für das Abrechnen an der Kasse und den Kontakt zu den Kunden verantwortlich sind. Raphaelle ist so Teil eines Dreiergespanns, dass die besondere Atmosphäre des Shops ausmacht. Es entsteht eine persönliche
Bindung zu dem Laden, die ich bei einigen Besuchern sofort spüre. Einige schauen sich nur kurz um, während andere Stunden hier verbringen und sich mit den drei „Ladies“, wie sie sich nennen, austauschen oder ihre Kostüme präsentieren. Oder sich einfach mit anderen Gleichgesinnten treffen. “Ich würde sagen, es ist ein Refugium für Geeks. Also weniger ein reiner
Verkaufsort, als ein Treffpunkt, den es sonst hier in München nicht gibt.“





„Alles fing mit einem kleinen Stand auf Conventions an“, beschreibt sie mir mit ihrem begeisterten Blick. Es war nur die Idee, selbst gemachte Artikel oder schon existierende Merchandise- Produkte an Fans weiter zu verkaufen. „… Die Leute glücklich zu machen …“ stellte sich als der
größte Spaß dabei heraus. Sie liebte den Kontakt zu Menschen und somit war die Wahl eines Ladens genau die Richtige, um die Idee fortzuführen.
Anfängliche Bemühungen um einen Onlineshop, verschwanden schnell in der Versenkung. „Es war nur ein ständiges Ändern von irgendwelchen Codes“, gibt sie zu. „Ich vermisste einfach den persönlichen Kontakt.“

Die hohe Besucherzahl, die ich mit meinen Augen sehen kann, beweist mir, dass der Shop eine Erfolgsidee ist. Doch wie für fast jede neue und irgendwie „andere“ Idee, standen auch hier die Sterne zum Beginn nicht besonders gut. „Jeder erzählte mir, dass so etwas keine Chancen hat und
wollten es mir ausreden.“

Dieser Zweifel war nicht unbegründet. So gab es in München in der Vergangenheit schon ähnliche Läden, die heute schon gar nicht mehr existieren. Deshalb war die anfängliche Skepsis nicht unbegründet. Doch sie war überzeugt, wenn sie es richtig anstellen würde, müsste so ein
Laden eine echte Chance haben. „… Die anderen Läden haben es irgendwie falsch aufgezogen …“, erzählt sie in einem Interview, dass sie vor meinem Gespräch einem kleinen Kamerateam gibt. „Einen Laden, wie unseren gibt es nirgendwo in Deutschland. Sogar bis zu 20 Prozent unserer Kunden kommen nicht aus München.“ Diese Zahlen beweisen, dass ihr Rezept aufgeht.

Doch einfach so bekam sie die Möglichkeit, den Shop hier entstehen zu lassen, nicht. Sie musste ihre ganze Überzeugungskraft und Energie auf nur das eine Ziel fokussieren. So löste Raphaelle beinahe all ihre Ersparnisse auf, um diesen Laden herzurichten und zu mieten. An die Produkte, die sie kaufen musste, war noch gar nicht zu denken. Sie steckte all ihre Kraft hinein. Sie kreierte das Logo selber und die Innenarchitektur. Für einige handwerkliche Aufgaben, konnte sie Hilfe von
Freunden bekommen und packte selber mit an. Sie ist ein Allround-Talent, scheint mir. „Ich habe keine Ausbildung gemacht. Wenn man etwas machen will, muss man es einfach tun“, Worte die mich sehr beeindrucken.
Sie hatte zuvor einige Praktika absolviert und konnte sich viele Eigenschaften aneignen. Sie war so schon Moderatorin und Grafikerin. Eine
Kombination die dem Laden seinen einzigartigen Flair gibt. Deshalb achtet sie auch auf jedes Detail. Wenn ihr etwas in einem Regal nicht gefällt, stellt sie es um. Alles muss perfekt sein und ihrem Augenmaß gefallen.
Diese Verliebtheit in das Detail, merke ich bei jedem weiteren Schritt an den Regalen vorbei. Wie auch andere Kunden, die selber sogar in Kostümen ihrer Lieblingsfiguren erscheinen.

Raphaelle scheut sich nicht, ihre Kunden direkt anzusprechen. Sie liebt es, sich mit ihnen auszutauschen oder mit ihnen zu diskutieren, welche Serie gerade die Beste ist. In einem Moment den ich mit der Kamera gut erwische, redet sie mit einem jungen Pärchen, das zu Beginn noch etwas überfordert mit der Vielfalt der Produkte ist. Doch dann schnell auftaut, als Raphaelle ihnen eine Silikonfüllung für Eiswürfel vorstellt. Natürlich nicht irgendwelche, sondern die von der US-Erfolgsserie „The Walking Dead“. Für Raphaelle ist es nicht einfach nur ein Verkaufsgespräch.
Sie verkauft den beiden nicht irgendein Produkt. Ich kann davon ausgehen, dass sie selber jedes einzelne Stück in ihrem Laden am liebsten selbst mit nach Hause nehmen würde. Und das merke nicht nur ich, sondern auch das junge Paar. Es wird immer neugieriger und die Atmosphäre immer
lockerer. Raphaelle macht das Ganze doch sehr viel Spaß, wenn sie sieht, dass ihre Kunden Freude an den Produkten haben. So wird der Einkauf für die Gäste ein kleines Erlebnis, das mit Großmärkten wie Media Markt, nicht zu vergleichen ist. Es sind die Momente, die auch Raphaelle das Gefühl geben, mit der Eröffnung des Shops, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.



Doch auch einige andere Sachen gehören zum Alltag einer Geschäftsführerin dazu. Neben dem Kundenkontakt im Laden, ist die Büroarbeit ein wichtiger Bestandteil ihres Jobs und macht sogar den größten Teil aus. Sie kann selten täglich im Laden sein und sitzt über Rechnungen oder Kauflisten von Produkten. Das erfordert ein hohes Maß an Organisation. Zumal sie
erst viel Geld ausgeben muss, um irgendwann, wenn das Produkt verkauft wurde, damit Geld zu verdienen. So bedeutet jeder Fehlkauf ein Verlust. Ein Produkt das im Laden verstaubt. Ein Grund mehr, warum sie wechselnde Produkte anbietet. „Wenn jemand einen „Torchwood“-Bademantel gekauft hat, will er keinen Zweiten.“



In ihrem Büro sitzt sie oft bis in die Nacht. Dort vergisst sie häufig die Zeit. So ist es fast verständlich, dass es so etwas wie ein Privatleben nicht mehr gibt. „Ich habe so lange niemanden mehr außerhalb des Ladens getroffen“, bedauert sie. Der Laden frisst ihre Zeit. Selbst auf der Plattform Facebook hat sie unzählige unbeantwortete Nachrichten. Sie verliert sich zwar mal in einem ruhigen Moment in ihren Onlinespielen, doch für mehr nicht. „Wenn mich dann jemand online gesehen hat, bekomme ich gleich eine Nachricht, weshalb ich nicht antworte. Aber
ich will einfach mal kurz mein Spiel spielen und das war’s!“

Ein Umstand den nur wenige Leute verstehen. Sie ist eine Art eigene Figur geworden. Eine Art Symbol, das für den Laden steht. Auch wenn dies andere Proportionen sind, ist es wohl ähnlich wie mit bekannten Schauspielern. Jeder will was von dir, aber du hast einfach keine Zeit mit jedem in Kontakt zu treten. „Es fehlt dann auch einfach die Energie. Nach unserem
Interview werde ich mich erstmal hinlegen“, sagt sie mir und ich bin um so begeisterter, dass sie mir überhaupt Zeit gibt für das Gespräch.


Doch ich frage mich, weshalb das alles? Warum lässt sie sich soviel Energie entziehen. Warum nicht einfach einen ganz normalen „9 to 5 - Job“? Die Frage beantworte sie mir mit dem Hinweis, dass es dieselbe Antwort ist, weshalb sie den Laden eröffnet hat: „Ich will Menschen glücklich machen!“!

- Johannes Schärfke


Kommentare:

  1. Toller Artikel und wunderschöne Fotos! Ich mag es sehr, wenn Glasmond ihre Pinkie Pie-Perücke trägt. :-D Und die Geschichte hinter dem Shop lese ich immer wieder gern.

    AntwortenLöschen
  2. Freut mich sehr, dass er euch gefällt. Super, dass ich über den Item Shop schreiben durfte :-D

    AntwortenLöschen